Präsident Lee besuchte koreanische Community in Deutschland
Am 2. August machte Präsident Lee Jae Myung auf dem Rückweg von einer Reise durch die USA und Südamerika einen kurzen Zwischenstopp in Frankfurt. Es handelte sich nicht um einen Staatsbesuch und Lee traf keine deutschen Amtsträger. Stattdessen nahm er sich bewusst Zeit, um sich mit rund 150 Koreanerinnen und Koreanern aus der koreanischen Community in Deutschland zu einem Mittagsempfang zu treffen. Zu Beginn erklärte er selbst, es sei eigentlich kein gewöhnlicher Termin. Schließlich sei er auf dem Rückweg aus Südamerika ohnehin zum Auftanken hier gewesen und es wäre ihm seltsam vorgekommen, einfach weiterzufliegen, ohne die Koreanerinnen und Koreaner vor Ort zu treffen. Im Saal löste das Lachen aus.

Hinter dem informellen Rahmen stand ein bedeutender Anlass. Vor genau 60 Jahren, im Jahr 1966, betraten die ersten koreanischen Krankenschwestern den Frankfurter Flughafen, wenige Jahre nach den ersten koreanischen Bergarbeitern. Lee nutzte den Besuch, um genau dieser ersten Generation, die als Krankenschwestern und Bergarbeiter nach Deutschland kam, ausdrücklich zu danken.

© Präsidialamt der Republik Korea
Präsident Lee würdigt eine stille Generation
In seiner Ansprache sagte der koreanische Präsident Lee, es bewege ihn zutiefst, eine Generation zu sehen, die still den Namen Koreas bewahrt und eine Brücke zwischen beiden Ländern gebaut habe. Er zog dabei eine Parallele zwischen beiden Ländern: Deutschland und Korea hätten sich beide aus Krieg und Teilung wieder aufgerichtet, für Deutschland stehe dafür das Wunder des Rheins, für Korea das Wunder des Han-Flusses. Er betonte, was die ersten koreanischen Krankenschwestern und Bergarbeiter unter Tage und an der Seite kranker Patienten erreicht hätten, sei nicht allein wirtschaftlicher Erfolg gewesen. Sie hätten der deutschen Gesellschaft die Aufrichtigkeit und Verantwortungsbereitschaft der Koreaner vor Augen geführt und damit Vertrauen in den Namen Korea aufgebaut.
Unter den rund 150 Gästen waren nicht nur Landsleute, vor allem aus Süddeutschland, sondern auch ehemalige Bergarbeiter und Krankenschwestern, Vertreter koreanischer Gemeinden aus verschiedenen Regionen sowie Mitglieder von Kirchen- und Kulturvereinen. Als Vertreterin der ersten Generation sprach Park Hwa-ja, eine der ersten koreanischen Krankenschwestern in Deutschland, über ihre Gefühle nach 60 Jahren im Land. Auch mehrere Kinder ehemaliger Bergarbeiter und Krankenschwestern kamen zu Wort und schilderten, wie die Geschichte ihrer Eltern bis heute ihr eigenes Leben prägt.
Musikalisch begleitet wurde der Empfang vom Koreanischen Chor Frankfurt, der von koreanischen Krankenschwestern gegründet wurde und in diesem Jahr sein vierzigjähriges Bestehen feiert. Die Sängerinnen und Sänger stimmten mit Liedern wie „Manam“ und „Kkotbat-eseo“ ein, die Sehnsucht nach der Heimat und Stolz auf die eigene Geschichte zugleich ausdrückten.
Was Lees Besuch in Erinnerung rief, ist eine Geschichte, die 1966 begann und bis heute nachwirkt.
60 Jahre koreanische Geschichte in Deutschland
Ab 1963 kamen im Rahmen eines Anwerbeabkommens rund 8.000 koreanische Bergarbeiter nach Deutschland, um im Steinkohlebergbau an Ruhr und Saar auszuhelfen. Wenige Jahre später folgte der Gesundheitssektor, wo es an bis zu 30.000 Pflegekräften fehlte. Der koreanische Kinderarzt Sukil Lee vermittelte daraufhin die ersten Krankenschwestern aus Korea. Am 31. Januar 1966 landeten 128 von ihnen am Frankfurter Flughafen. Bis in die 1970er Jahre kamen insgesamt mehr als 11.000 koreanische Krankenschwestern nach Deutschland.

Die Verträge liefen für beide Gruppen zunächst befristet, mit vorgesehener Rückkehr nach Korea. Erst ab 1980 konnten sich sowohl Bergarbeiter als auch Krankenschwestern dauerhaft in Deutschland niederlassen, eigene Berufswege einschlagen und Familien gründen. Was beide Gruppen leisteten, verlangte Mut und Ausdauer, denn sie kamen in ein fremdes Land, dessen Sprache sie kaum kannten, und mussten sich unter schwierigen Bedingungen bewähren. Die Bergarbeiter verrichteten harte körperliche Arbeit unter Tage, während die Krankenschwestern in Krankenhäusern oft die anspruchsvollsten und unbeliebtesten Schichten übernahmen. Mit ihrer Zuverlässigkeit und ihrem Fleiß erwarben sich beide Gruppen den Respekt ihrer deutschen Kolleginnen und Kollegen und trugen so maßgeblich zum guten Ruf Koreas in Deutschland bei. Sie legten damit den Grundstein für die deutsch-koreanische Freundschaft, deren Geschichte sich bis heute, in der dritten Generation, in der koreanischen Community in Deutschland fortsetzt.
Krankenschwester Kyung-Sook Yang erinnert sich
Eine der Krankenschwestern, die nach Deutschland kamen, war Kyung-Sook Yang (Baron). Im Februar 1970 landete sie gemeinsam mit einer Gruppe examinierter koreanischer Krankenschwestern am Frankfurter Flughafen, mitten in der Nacht, bei Kälte und Regen. Nach der Ankunft wurde die Gruppe aufgeteilt und von den anfordernden Krankenhäusern mit Bussen abgeholt. Auf der etwa einstündigen Fahrt durch die Dunkelheit überquerten sie unvermittelt den Rhein. Die zahllosen, im Wasser gespiegelten Lichter der BASF-Werke ließen sie für einen Moment die Trauer über den Abschied von ihrer Familie vergessen. Stattdessen weckten sie eine leise Hoffnung auf einen Neuanfang in einem Land, das nach dem Krieg selbst rasch wieder zu Wohlstand gefunden hatte.

Nach vier Wochen Deutschunterricht wurde sie auf eine Station verteilt und hatte ein deutsches Namensschild auf der Brust. Es wurden einfach deutsche Namen vergeben, ohne zu fragen, und so war Kyung-Sook Yang plötzlich Schwester Ruth. Ein Name, den man auch noch sehr schwer als Koreaner aussprechen kann.
„Der Name auf dem Schild war nicht meiner, aber er erwartete mich, bevor ich überhaupt angekommen war“, beschreibt Kyung-Sook Yang dieses seltsame Gefühl in einem Interview mit dem Autor für die Deutsch-Koreanische Gesellschaft, DKG.
Die einfachen pflegerischen Aufgaben, Betten machen, Patienten waschen, Essen verteilen, gaben ihr trotz der großen Sprachbarriere Halt und brachten sie schnell in engen Kontakt mit den Patienten. Als das Krankenhaus den Sprachunterricht später einstellte, finanzierte sie gemeinsam mit Kolleginnen privaten Unterricht weiter, überzeugt, dass gutes Deutsch die Voraussetzung für ein wirkliches Ankommen in diesem Land war.

Mit wachsenden Sprachkenntnissen konnte sie zunehmend ihre volle fachliche Qualifikation einbringen und wurde, wie viele ihrer Kolleginnen, in Zeitungen als „Engel aus Korea“ beschrieben. Hinter dieser Zuschreibung standen für sie vor allem Frauen, die sich Anerkennung und ihren Platz im Team Tag für Tag hart erarbeiten mussten. Nach sechs Jahren in Deutschland heiratete sie und bekam zwei Töchter. Tochter Juliana Gyonga Baron ist inzwischen Vizepräsidentin der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft und trägt maßgeblich zum deutsch-koreanischen Austausch und auch zur Erinnerungskultur bei. Aus der Krankenschwester wurde später auch eine Sprachlehrerin. Sie übersetzt bis heute gelegentlich für koreanische und deutsche Firmen und unterrichtet seit über 30 Jahren Koreanisch an der Abendakademie Mannheim.
Fazit
Sechzig Jahre nach der Ankunft der ersten koreanischen Krankenschwestern und Bergarbeiter ist diese Geschichte kein abgeschlossenes Kapitel. Sie zeigt sich in Chören, die bis heute proben, in Familien, deren zweite Generation längst selbst erwachsen ist, und in einzelnen Biografien wie der von Kyung-Sook Yang. Diese hat aus einem befristeten Arbeitseinsatz ein ganzes Leben zwischen zwei Ländern gemacht. Der kurze Zwischenstopp eines Präsidenten machte für einen Nachmittag sichtbar, was über Jahrzehnte im Stillen gewachsen ist.

