Koreanisches Epos „Der Wal“ von Cheon Myeong-kwan

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Koreanisches Epos „Der Wal“ von Cheon Myeong-kwan
Myeong-kwan, Cheon - Der Wal | Photo by Weissbooks Verlag

Mit „Der Wal“ ist einer der bedeutendsten Romane der modernen koreanischen Literatur auf Deutsch erschienen. Das Buch des Autors Cheon Myeong-kwan erschien unter dem koreanischen Titel „고래“ bereits im Jahr 2004 und gilt in Südkorea seit langem als moderner Klassiker. Übersetzt wurde der Roman von Matthias Augustin und Kyunghee Park. Die englische Fassung stand 2023 auf der Shortlist des International Booker Prize und lenkte damit erstmals die Aufmerksamkeit eines größeren internationalen Publikums auf das Buch.

Cheon Myeong-kwan kam spät zur Literatur. Der 1964 in Yongin geborene Autor arbeitete nach Schulabschluss und Militärdienst als Verkäufer von Sportartikeln und als Versicherungsvertreter, bevor er sich einige Jahre im Filmgeschäft versuchte. Erst 2003 debütierte er mit der Kurzgeschichte „Frank und ich“. Ein Jahr später legte er mit „Der Wal“ seinen ersten Roman vor, der mit dem renommierten Munhakdongne-Romanpreis ausgezeichnet wurde.

Ein Dorf, zwei Frauen und ein ganzes Jahrhundert

Der Roman erzählt die Geschichte von Geumbok, einem ehrgeizigen Mädchen vom Land, das einem brutalen Vater entflieht. Im Gefolge eines wandernden Fischhändlers zieht sie in die Welt hinaus und besitzt ein untrügliches Gespür dafür, was Menschen begehren. Vom Fischhandel über immer größere Unternehmungen arbeitet sie sich empor, schonungslos gegen andere und am Ende gegen sich selbst, bis sie ein ganzes wirtschaftliches Imperium errichtet.

Daneben steht ihre Tochter Chunhui, die stumm ist und bereits als Vierzehnjährige über hundert Kilogramm wiegt. Als sie zum ersten Mal die Rückenflosse eines Wals im Meer erblickt, ist sie derart fasziniert, dass sie fortan einen außergewöhnlichen Platz in dem Dorf P’yŏngdae einnimmt. Der Wal wird zu ihrer Sprache: das große, schweigende Wesen, das unter der Oberfläche lebt, wo Chunhui ihre eigene Existenz verbringt.

Schauplatz ist das fiktive Bergdorf P’yŏngdae, das sich von einem vergessenen Flecken zu einer boomenden Eisenbahnstadt und schließlich zu einer verlassenen Geisterstadt wandelt. In diesem Wandel spiegelt sich die koreanische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts wider: die Kolonialzeit, die Kriegswirren, das Wirtschaftswunder und die Schattenseiten dieser rasanten Modernisierung.

Myeong-kwan, Cheon – Der Wal | Photo by Weissbooks Verlag

Magischer Realismus aus Korea

Kritiker haben „Der Wal“ wiederholt mit Gabriel García Márquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“ verglichen. Das Dorf P’yŏngdae evoziert dabei das fiktive Macondo, und der Roman bedient sich eines traumartigen magischen Realismus, in dem Wahrscheinlichkeiten keine Grenzen gesetzt sind. Der Erzählton erinnert an die großen mündlichen Erzähltraditionen: Wie ein Dorfchronist, der über Generationen hinweg alles gesammelt hat, reiht die Erzählstimme Anekdoten, Gerüchte und Legenden aneinander. Die Handlung beginnt mit Chunhui und entfaltet sich von dort aus in verschachtelten Rückblenden, die sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild fügen.

Zugleich ist das Buch eine bitterböse, mit schwarzem Humor gesättigte Satire auf den Kapitalismus. Geumboks Karriere ist eine Parabel über Gier, Kumulation und den Preis des Erfolgs. Das Titel gebende Motiv des Wals fungiert dabei als vielschichtige Metapher: für das Unfassbare, für die Erinnerung und für die Last der Geschichte, die unter der Oberfläche der koreanischen Moderne weiterwandert.

Literaturtipp für Leser

„Der Wal“ richtet sich an Leserinnen und Leser, die epische, historisch fundierte Romane mit magisch-realistischem Tonfall schätzen. Das Buch eignet sich besonders für alle, die die moderne koreanische Literatur jenseits der bekannten Namen entdecken möchten. Wer García Márquez gelesen hat oder Freude an verschachtelten Erzählungen mit weitläufigem Atem hat, findet hier ein Werk, das seine Lesezeit fordert und sie mit Zins zurückzahlt. Das Buch ist auf Deutsch im Taschenbuch erhältlich.

Bibliographische Angaben

Cheon Myeong-kwan: Der Wal. Roman. Aus dem Koreanischen von Matthias Augustin und Kyunghee Park. Auf Deutsch im Taschenbuch erhältlich (Verlagsgruppe Random House). Originalausgabe: 고래 (2004). Nominiert für den International Booker Prize 2023.

 

Derzeit nur noch als E-Book erhältlich oder aber als Taschenbuch bei btb

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