Essen mit Stäbchen in Korea: Geschichte, Vergleiche und Tischkultur

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Essen mit Stäbchen in Korea: Geschichte, Vergleiche und Tischkultur

Stäbchen gehören zu den ältesten Esswerkzeugen der Welt. In vielen asiatischen Ländern sind sie seit Jahrhunderten fester Bestandteil des Alltags, Teil einer Tischkultur mit klaren Regeln und einer langen Geschichte. Und sie sind nicht überall gleich. Korea, Japan und China haben jeweils ihre eigene Version entwickelt, und die Unterschiede sind größer, als man vermuten würde. Form, Material und Länge variieren erheblich, und jede Variante erzählt etwas über die Küche und Esskultur des jeweiligen Landes.

Korea hat dabei im Laufe seiner Geschichte einen einzigartigen Weg entwickelt, der sich bis heute in jedem Detail der Tischkultur zeigt. Das Besteck heißt auf Koreanisch 수저 (Sujeo) und besteht aus zwei flachen Metallstäbchen und einem langen Löffel. Beides gehört zusammen, beides hat eine klar geregelte Aufgabe.

Jeder hat seine Art und Technik, die Stäbchen zu nutzen © Manuel Guthmann

Warum mit Stäbchen essen?
Stäbchen haben ihren Ursprung in China, und zuerst landeten sie nicht auf dem Tisch, sondern am Herd. Die ältesten Funde, Bronzestäbchen aus der Shang-Dynastie, stammen aus etwa 1200 vor Christus und dienten dazu, Töpfe umzurühren und heiße Speisen aus dem Feuer zu heben. Als Besteck kamen sie erst ab etwa 400 vor Christus ins Spiel. Damals wurde Brennholz knapp, und wer sparsam kochen wollte, schnitt die Zutaten in kleine Stücke, damit sie schneller garten. Was klein geschnitten auf den Teller kam, ließ sich gut mit zwei Stäbchen greifen, besser als mit dem Löffel, der bis dahin das wichtigste Esswerkzeug gewesen war.

Von China aus gelangten Stäbchen im 7. Jahrhundert nach Christus durch buddhistische Missionare nach Korea und Japan, später auch nach Vietnam und Taiwan.

Donkkaseu, das koreanische Schnitzel, isst man auch mit Stäbchen © Manuel Guthmann

Wo mit Stäbchen gegessen wird und wie sie sich unterscheiden
Stäbchen sind in Ostasien das wichtigste Besteck des Alltags. In China, Japan, Korea und Vietnam kommen sie bei nahezu jeder Mahlzeit auf den Tisch, Taiwan folgt der chinesischen Tradition. In Thailand, Malaysia, Singapur und Indonesien werden Stäbchen hauptsächlich für Nudelsuppen und gebratene Nudeln genutzt. Für Reis und Fleisch greift man eher zu Löffel und Gabel oder isst mit den Händen.

Chinesische Stäbchen sind die längsten der drei Varianten, meist aus Holz oder Bambus, an beiden Enden gleich breit. In China stehen die Gerichte traditionell in der Mitte des Tisches, alle bedienen sich gemeinsam vom runden Drehtisch. Dazu passt die chinesische Küche: große Portionen, gebratenes Fleisch, gedünstetes Gemüse, Dim Sum. In Vietnam und Taiwan sieht man ähnliche Varianten, oft aus Holz oder Bambus, geprägt vom jahrhundertelangen chinesischen Einfluss in der Region.

Japanische Stäbchen sind kürzer, rund und laufen zur Spitze hin spitz zu. Sie bestehen meist aus lackiertem Bambus oder Holz. In der japanischen Küche spielt Fisch eine zentrale Rolle, und wer Gräten herauslösen oder Sashimi präzise greifen will, braucht genau diese Form. In Japan wird Reis direkt aus der hochgehobenen Schale in den Mund geschoben.

Koreanische Stäbchen, 젓가락 (Jeotgarak), sind flach und schlank, aus Metall und schwerer als alles, was man aus Japan oder China kennt. Die glatte Oberfläche macht das Greifen anspruchsvoller, manche Stäbchen haben deshalb an der Greifzone eine geriffelte Oberfläche. Die koreanische Küche fordert dabei einiges ab: Kimchi, dünne marinierte Gemüsebeilagen, glitschiger Tofu, weiche Fischhappen, alles muss sicher gegriffen werden, ohne dass es vom Tisch fällt. Dass Korea als einziges Land in der Region auf Metall setzt, hat einen Grund, der weit zurückreicht.

Unterschiedliche Arten von Stäbchen in Korea © Manuel Guthmann

Koreas Metallstäbchen und ihre Geschichte
Dass koreanische Stäbchen aus Metall bestehen, hat einen königlichen Ursprung. In der Baekje-Zeit, einem der drei koreanischen Königreiche vor rund 2.000 Jahren, aß der Königshof mit Silberbesteck. Der Grund war simpel und klug zugleich: Silber verfärbt sich bei Kontakt mit bestimmten Giftstoffen, ein vergiftetes Gericht verriet sich also am Besteck. Die Idee sprach sich herum, und bald griffen auch außerhalb des Hofes viele zu Metall, wenn auch zu Bronze oder Messing statt Silber. In der Joseon-Dynastie wurde das zur Selbstverständlichkeit.

Metallstäbchen haben auch klare Vorteile: Sie lassen sich leichter reinigen als Holz oder Bambus, nehmen keine Gerüche an, sind hygienischer und halten deutlich länger. Heute sind sie auf jedem koreanischen Tisch. Es gibt sie schlicht und einfach oder verziert mit Motiven, silberfarben oder goldlegiert, in allen Preisklassen. Wenn man unterwegs etwas isst, wie im Convenience Store oder beim Picknick, nutzt man meist Einmalholzstäbchen, etwa beim Ramyeon.

Unterwegs isst man meist mit Einweg-Holzstäbchen © Manuel Guthmann

Die Stäbchen sind in Korea Teil einer Esskultur, die am Tisch ganz eigene Regeln hat. Wenn Koreaner essen gehen, bestellen sie meist nur ein paar Gerichte für alle am Tisch. Diese Gerichte isst jeder genauso mit seinen eigenen Stäbchen wie die Banchan und anderen Beilagen. Das bedeutet, in Korea isst man im wahrsten Sinne gemeinsam, weil jeder mit denselben Stäbchen zum Essen greift, mit denen er isst und die er zum Mund führt.

In Korea findet man in Restaurants Stäbchen und Löffel üblicherweise in der Schublade am Tisch
© Manuel Guthmann

Löffel und Stäbchen dürfen nicht gleichzeitig in der Hand gehalten werden. Ein Messer sucht man am koreanischen Tisch vergeblich. Dafür liegt bei manchen Gerichten eine Schere bereit. Zum Beispiel beim Korean BBQ, um das Fleisch am Grill zu schneiden, beim Naengmyeon die Nudeln oder beim Rettich-Kimchi in mundgerechte Stücke zu zerkleinern.

Auch beim BBQ verwendet man Stäbchen © Manuel Guthmann

Lernen, üben und die Regeln kennen
In Korea lernen Kinder früh, mit Stäbchen zu essen. Es gibt spezielle Übungsstäbchen mit Schlaufen, die die Finger an die richtige Stelle führen.

Mit Kinder-Übungsstäbchen können natürlich auch Erwachsene üben © Manuel Guthmann

Wer damit aufgewachsen ist, kennt nichts anderes, also kein Grund zur Frustration, wenn es am Anfang nicht gleich klappt. Wer es lernen möchte, hier ein paar Tipps.

In Korea isst man traditionell mit der rechten Hand. Linkshänder nehmen einfach die Hand, mit der sie sich wohler fühlen. Das untere Stäbchen liegt in der Mulde zwischen Daumen und Ringfinger und bleibt ruhig, das obere hält man wie einen Stift und bewegt es auf und zu. Zum Üben fängt man am besten mit größeren, festen Stücken an und arbeitet sich zu kleineren vor. Aufgeben lohnt sich nicht, denn Koreaner freuen sich wirklich, wenn Besucher einigermaßen mit Stäbchen umgehen können.

Der Autor hat koreanisches Ramyeon unterwegs mit Stäbchen “gegessen/geschlürft” © Manuel Guthmann

Neben der Technik gibt es Verhaltensregeln, die ernst genommen werden. Die wichtigste: Stäbchen dürfen nicht senkrecht in die Reisschale gesteckt werden. Das erinnert an Räucherstäbchen bei Begräbnisritualen und gilt als äußerst unhöflich. Ist man fertig, legt man sie auf den Tisch oder quer über eine Schüssel. Mit den Stäbchen schiebt man keine Schüsseln, klopft nicht damit auf den Tisch und zeigt nicht damit auf andere Personen.

Fazit
Koreanisches Besteck ist mehr als Besteck. Die Metallstäbchen erzählen von einem Königshof, der Silber als Schutz vor Vergiftung nutzte, und von einer Esskultur, in der Gemeinschaft und Respekt am Tisch eine eigene Sprache sprechen. Und wenn die glatte Metalloberfläche das Stück Tofu doch noch einmal entwischen lässt, ist das kein Problem. Selbst erfahrene Esser haben solche Momente.

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