Der Deutsche, der Koreas erste Nationalhymne komponierte

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Der Deutsche, der Koreas erste Nationalhymne komponierte

Im Nationalmuseum Korea in Seoul liegt in der Abteilung zum Großkoreanischen Kaiserreich ein unscheinbares Notenheft. Der Einband zeigt den kaiserlichen Zwillingsdrachen und den Titel „Kaiserlich Koreanische Nationalhymne“. Verfasst wurde sie 1902 nicht von einem koreanischen Musiker, sondern von einem deutschen Militärkapellmeister aus Schlesien namens Franz Eckert.

Die Partitur der Nationalhymne des Großkoreanischen Kaiserreichs Photo © Manuel Guthmann

Die Geschichte dieser Hymne beginnt mit der Gründung des Großkoreanischen Kaiserreichs. König Gojong, der 26. und letzte König der Joseon-Dynastie, rief im Oktober 1897 das Daehan-Kaiserreich aus, nahm den Kaisernamen Gwangmu an und wurde als dessen Gründer und erster Kaiser Koreas inthronisiert. Dieser Schritt vom Königreich zum Kaiserreich sollte Korea auf eine Stufe mit Japan und China stellen. Für die musikalische Untermauerung dieses neuen Status griff der frischgebackene Kaiser auf einen deutschen Fachmann zurück, ein westliches Zeichen für einen Anspruch auf westliche Anerkennung.

Ein Militärmusiker aus Deutschland
Franz Eckert wurde 1852 in Neurode in Schlesien geboren und bildete sich in Oboe und Musiktheorie aus. Seine berufliche Laufbahn führte ihn über mehrere Stationen im Ausland, bei denen er umfassende Erfahrung im Aufbau westlicher Militärkapellen sammelte. 1899 kehrte er aus gesundheitlichen und persönlichen Gründen nach Deutschland zurück und erhielt dort vom deutschen Kaiser den Titel „Königlich Preußischer Musikdirektor“.

Nur kurze Zeit später erreichte ihn ein Angebot aus Korea. Die Regierung des jungen Kaiserreichs suchte einen erfahrenen Musiker, der eine Militärkapelle nach westlichem Vorbild aufbauen sollte. Eckert nahm an und traf im Februar 1901 im Alter von 49 Jahren in Seoul ein. Er übernahm die Leitung der kaiserlichen Blaskapelle Yangakdae und begann, den Musikern westliche Instrumente und Notenschrift beizubringen.

links: Franz Eckert, Komponist der ersten koreanischen Nationalhymne. rechts: Erster koreanischer Kaiser Gwangmu (광무제) Beide Portraits wurden ca. 1904 aufgenommen. Photos © gemeinfreie Werke, Wikipedia

Eine Hymne für das junge Kaiserreich
Kurz nach seiner Ankunft erhielt Eckert den Auftrag, eine Nationalhymne zu komponieren. Als musikalische Grundlage wählte er kein europäisches Vorbild, sondern die Melodie eines koreanischen Volkslieds, das der amerikanische Missionar Homer Hulbert Jahre zuvor aufgezeichnet hatte. Diese Entscheidung galt unter Fachleuten später als ungewöhnlich, denn eine Nationalhymne hätte damals eher auf höfischer Musik oder einer neuen europäischen Komposition beruhen können. Eckert harmonisierte die Melodie und versah sie mit einem koreanischen Text.

Die Verse stammten von Min Yeonghwan, einem engen Vertrauten des Kaisers, und brachten den Wunsch der Bevölkerung zum Ausdruck, den Status des Landes als moderner Staat zu stärken und Patriotismus zu fördern. Sie lauten im Original folgendermaßen.

상제여, 우리 황제를 도우소서.
성스러운 수명이 무궁하여
해옥주를 산같이 쌓게 하소서.
위세와 권력을 바다에 떨치어
오천만 대까지 복이 무궁케 하소서.
상제여, 우리 황제를 도우소서.

Die deutsche Übertragung aus dem Jahr 1902 lautet.

Gott beschütze unsern Kaiser,
Dass sich seine Jahre mehren
Zahllos wie der Sand am Strande,
Der sich hoch zur Düne häufet,
Dass sein Ruhm sich leuchtend breite
Weithin über alle Welten,
Und das Glück des Herrscherhauses
Tausendmal zehentausend Jahre
Neu mit jedem Tag erblühe.
Gott beschütze unsern Kaiser!

Am 1. Juli 1902 war das Werk fertiggestellt, im August desselben Jahres erklärte die Regierung es offiziell zur Nationalhymne des Großkoreanischen Kaiserreichs. Der Einband der gedruckten Partitur zeigte die Symbole Taegeuk und Mugunghwa, die Landesblume Koreas. Insgesamt 500 Exemplare wurden angefertigt und an Länder in aller Welt verteilt. Zur feierlichen Uraufführung kamen zahlreiche ausländische Vertreter nach Seoul. Wegen des ungewöhnlichen Sechsachteltakts und des anspruchsvollen Texts verbreitete sich die Hymne unter der Bevölkerung allerdings nur langsam.

Anerkennung und ein jähes Ende
Für seine Verdienste verlieh Kaiser Gojong Eckert im Dezember 1902 den Taegeuk-Orden dritter Klasse, eine der höchsten Auszeichnungen des Kaiserreichs. Eckert blieb in Korea, baute die Kapelle bis auf rund siebzig Mitglieder aus und veranstaltete regelmäßige Konzerte im Pagoda-Park, bei denen auch eigene Kompositionen sowie Werke Richard Wagners erklangen.

Die politische Realität holte sein Werk jedoch bald ein. Mit der Annexion Koreas 1910 wurde die Kaiserlich Koreanische Nationalhymne verboten und durch eine neue Hymne ersetzt. Seine Militärkapelle musste Eckert auflösen. Er blieb dennoch in Seoul, wo er 1916 starb. Sein Grab befindet sich bis heute auf dem Ausländerfriedhof der Stadt.

Spuren im Nationalmuseum in Seoul
Die von Eckert komponierte Hymne geriet nach dem Verbot über Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit. Erst durch spätere musikwissenschaftliche Forschung, unter anderem zur Herkunft der von Hulbert überlieferten Melodie, rückte das Werk wieder stärker in den Fokus. Im Nationalmuseum Korea erinnert heute die ausgestellte Originalpartitur mit ihrem kunstvoll gestalteten Einband an dieses Kapitel der koreanischen Musikgeschichte. Die Vitrine ordnet das Objekt in die Zeit des Großkoreanischen Kaiserreichs ein und macht sichtbar, wie sehr sich das Land damals um internationale Anerkennung bemühte.

Die kaiserlich-koreanische Nationalhymne befindet sich im Nationalmuseum in Seoul Photo © Manuel Guthmann 

Fazit
Die Geschichte der kaiserlich-koreanischen Nationalhymne zeigt, wie eng koreanische und deutsche Musikgeschichte an einem bestimmten Punkt miteinander verwoben waren. Ein schlesischer Militärkapellmeister prägte mit einer koreanischen Volksmelodie und den Worten eines kaiserlichen Vertrauten den musikalischen Ausdruck staatlicher Souveränität, noch bevor diese Souveränität durch die Kolonialherrschaft verloren ging. Das im Nationalmuseum bewahrte Notenheft bleibt ein stilles, aber eindrückliches Zeugnis dieser kurzen, ambitionierten Phase koreanischer Geschichte.

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